Improvisation gibt es nicht nur im Jazz, sondern auch im Alltag: „Dann improvisieren wir halt“, sagt man, wenn man etwas nicht im Detail vorbereiten möchte. Eine Reparatur mit Klebeband und Bindfaden wirkt „improvisiert“. Etwas anderes meinte Nicola Wessinghage, als sie beim Stammtisch Wissenschaftskommunikation in das Thema einführte: nicht unvorbereitet und ohne Struktur in eine Situation hineinschlittern, sondern ganz im Gegenteil – sich mit Wissen, Strategie und Erfahrung auf das Unvorhergesehene vorbereiten.
Gemeinsam mit der Schauspielerin und Improvisationstrainerin Mignon Remé hatte Nicola das Treffen unter das Motto „Auftritt ohne Skript. Techniken der Improvisation für erfolgreiche Wissenschaftskommunikation“ gestellt. Mignon ist Schauspielerin, Regisseurin und Mitgründerin des Hamburger Improvisationstheaters „hidden shakespeare“, mit dem sie seit mehr als 30 Jahren auf Bühnen im In- und Ausland steht. Daneben vermittelt sie Techniken des Improvisationstheaters in Workshops und Trainings – unter anderem an der Technischen Universität Hamburg, der Hamburg Media School und der Hochschule Luzern. Gemeinsam arbeiten Mignon und Nicola gerade daran, Ansätze der Improvisation für die Wissenschaftskommunikation nutzbar zu machen.
Zu Gast waren wir diesmal beim Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut, wo uns Wiebke Schoon und Christiane Matzen in die neuen Räume in der Warburgstraße eingeladen hatten – herzlichen Dank dafür.
Vorbereitung auf das Unvorhersehbare
Zunächst scheint Improvisation ein Widerspruch zur Wissenschaftskommunikation zu sein: Gerade die Wissenschaft muss doch exakt kommuniziert werden, nicht improvisiert. Vielen Wissenschaftler:innen sind unvorhersehbare Situationen ein Graus – und doch gehören sie in der Kommunikation zum Alltag: unerwartete Publikumsfragen bei Veranstaltungen, nicht absehbare Wendungen in polarisierten Debatten, Journalist:innen, die kurzfristig ein Statement brauchen, bis hin zu Angriffen auf Wissenschaftler:innen.
Nicola brachte es auf eine Formel, die sie von Sascha Friesike vom Weizenbaum-Institut entliehen hatte: Unser Verhältnis zur Ungewissheit sei oft wie das einer Katze zum Staubsauger – „bloß nicht begegnen!“ Genau hier setzt Improvisation an. Sie ist eben nicht Kommunikation ohne Vorbereitung, sondern die Vorbereitung auf das Unvorhersehbare der Kommunikation: mit Wissen und Strategie, mit Erfahrung – und unter Unsicherheit. Nicola beschrieb das als Zusammenspiel von Pflicht und Kür. Die Pflicht ist die Vorbereitung: meine Themen, meine Fakten, meine Techniken, meine Strategie. Die Kür ist die eigentliche Kommunikation: die konkrete Formulierung, das spontane Beispiel, das Eingehen auf eine Frage, die Antwort, die mein Publikum wirklich versteht. „Improvisation ist keine Technik, sondern eine Haltung“, fasste Nicola zusammen.
Was Improvisation schult
Diese Haltung lässt sich trainieren. Nicola verwies auf den Schauspieler Alan Alda, in Deutschland vor allem durch die Serie „M.A.S.H.“ bekannt, der sich seit Jahrzehnten für eine bessere Wissenschaftskommunikation engagiert. Er ist Gründer des nach ihm benannten Alan Alda Center for Communicating Science an der Stony Brook University, das Techniken des Improvisationstheaters gezielt einsetzt, um Forschende im Reden über ihre Arbeit zu schulen.
Der Gedanke dahinter: Improvisation trainiert genau die Fähigkeiten, auf die es in der Kommunikation ankommt – Empathie, Aufmerksamkeit, Perspektivwechsel, aktives Zuhören und spontane Anpassungsfähigkeit. Wer improvisiert, lernt vor allem, im Moment präsent zu sein und auf sein Gegenüber einzugehen, statt ein vorgefertigtes Skript abzuspulen.
Wie man dabei ein Publikum erreicht, das aus ganz unterschiedlichen Menschen besteht, brachte Nicola mit einem Satz des Improvisationstheater-Begründers Keith Johnstone auf den Punkt: Man müsse nicht jeden Einzelnen erreichen – sondern dafür sorgen, dass alle im selben Spiel sind.
Vom Kreis in die Bewegung – der praktische Teil
Nach dieser Herleitung wechselten wir – ganz unüblich für einen Stammtisch – in den praktischen Teil, professionell und überzeugend moderiert von Mignon Remé. Es begann mit einer einfachen Assoziationsübung: Wir standen im großen Kreis, Mignon gab einen Begriff zum Start vor, und dann wurde reihum improvisiert. Wer an der Reihe war, musste blitzschnell sagen, was ihm oder ihr zum zuletzt genannten Wort einfiel: Freund – Schule – Abitur – Prüfung – Angst – Horrorfilm und so weiter. Einige versuchten zu schummeln und sich schon drei Begriffe vorher eine Antwort zurechtzulegen. Das ging auch mal daneben und zeigte, wie schwer es uns fällt, wirklich spontan zu sein.
„Improvisation ist wie ein Muskel – man kann das trainieren“, beruhigte uns Mignon. Wer im beruflichen Alltag versuche, Fehler zu vermeiden und keinen Unsinn zu reden, dem falle es oft schwer, den Schalter umzulegen. Die folgenden Übungen halfen dabei: Wir liefen durch den Raum, riefen mehr oder weniger unsinnige Dinge, hüpften bei bestimmten Codeworten in die Luft – um kurz darauf beim gleichen Wort etwas anderes zu tun – so lange, bis das Gehirn nicht mehr mitkam und wir einfach irgendetwas machten. Es war fast eine kleine Befreiung, an diesen Punkt zu kommen.
Fünf goldene Regeln
Zum Abschluss bündelte Nicola das Gehörte und Erprobte in fünf Regeln für die Improvisation in der Kommunikation – Merksätze, die sich sowohl auf der Bühne als auch im nächsten schwierigen Publikumsgespräch bewähren:
- Sei im Moment! Präsenz ist die Grundlage – nicht schon bei der nächsten Antwort sein, während die Frage noch läuft.
- Vertraue auf dein Gehirn! Wer sich vorbereitet hat, darf darauf vertrauen, dass die passenden Gedanken im richtigen Augenblick kommen.
- Entdecke und akzeptiere Angebote – nutze sie! Jede Frage, jeder Einwand ist ein Angebot, das man aufgreifen kann, statt es abzuwehren.
- Finde deinen Status und passe dich (ggf.) an! Wer die eigene Rolle in einer Situation kennt, kann sie bewusst gestalten.
- Sei sicher mit deinen Themen – know your shit! Die Kür gelingt nur auf dem Fundament solider Vorbereitung.
Fazit
Der Abend machte deutlich, dass Improvisation und Wissenschaftskommunikation kein Widerspruch sind, sondern gut zusammenpassen. Improvisation ersetzt nicht die fachliche Vorbereitung – sie baut auf ihr auf und macht sie im entscheidenden Moment nutzbar. Und weil sie sich wie ein Muskel trainieren lässt, kann jede und jeder ein Stück gelassener werden im Umgang mit dem Unvorhergesehenen. Oder, um im Bild zu bleiben: Man muss vor dem Staubsauger nicht mehr davonlaufen.
Dieser Text entstand auf Basis unserer Aufzeichnungen mit freundlicher Unterstützung der KI Claude.
Workshopangebot von Nicola Wessinghage und Mignon Remé:
„Strategie und Improvisation – Workshops für wirkungsvolle Präsenz und souveräne Wissenschaftskommunikation“ (PDF, 3,9 MB)
Quellen
Techniken der Improvisation für die Wissenschaftskommunikation
Hamburger Stammtisch Wissenschaftskommunikation am 10. Juni 2026
Improvisation gibt es nicht nur im Jazz, sondern auch im Alltag: „Dann improvisieren wir halt“, sagt man, wenn man etwas nicht im Detail vorbereiten möchte. Eine Reparatur mit Klebeband und Bindfaden wirkt „improvisiert“. Etwas anderes meinte Nicola Wessinghage, als sie beim Stammtisch Wissenschaftskommunikation in das Thema einführte: nicht unvorbereitet und ohne Struktur in eine Situation hineinschlittern, sondern ganz im Gegenteil – sich mit Wissen, Strategie und Erfahrung auf das Unvorhergesehene vorbereiten.
Gemeinsam mit der Schauspielerin und Improvisationstrainerin Mignon Remé hatte Nicola das Treffen unter das Motto „Auftritt ohne Skript. Techniken der Improvisation für erfolgreiche Wissenschaftskommunikation“ gestellt. Mignon ist Schauspielerin, Regisseurin und Mitgründerin des Hamburger Improvisationstheaters „hidden shakespeare“, mit dem sie seit mehr als 30 Jahren auf Bühnen im In- und Ausland steht. Daneben vermittelt sie Techniken des Improvisationstheaters in Workshops und Trainings – unter anderem an der Technischen Universität Hamburg, der Hamburg Media School und der Hochschule Luzern. Gemeinsam arbeiten Mignon und Nicola gerade daran, Ansätze der Improvisation für die Wissenschaftskommunikation nutzbar zu machen.
Zu Gast waren wir diesmal beim Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut, wo uns Wiebke Schoon und Christiane Matzen in die neuen Räume in der Warburgstraße eingeladen hatten – herzlichen Dank dafür.
Vorbereitung auf das Unvorhersehbare
Zunächst scheint Improvisation ein Widerspruch zur Wissenschaftskommunikation zu sein: Gerade die Wissenschaft muss doch exakt kommuniziert werden, nicht improvisiert. Vielen Wissenschaftler:innen sind unvorhersehbare Situationen ein Graus – und doch gehören sie in der Kommunikation zum Alltag: unerwartete Publikumsfragen bei Veranstaltungen, nicht absehbare Wendungen in polarisierten Debatten, Journalist:innen, die kurzfristig ein Statement brauchen, bis hin zu Angriffen auf Wissenschaftler:innen.
Nicola brachte es auf eine Formel, die sie von Sascha Friesike vom Weizenbaum-Institut entliehen hatte: Unser Verhältnis zur Ungewissheit sei oft wie das einer Katze zum Staubsauger – „bloß nicht begegnen!“ Genau hier setzt Improvisation an. Sie ist eben nicht Kommunikation ohne Vorbereitung, sondern die Vorbereitung auf das Unvorhersehbare der Kommunikation: mit Wissen und Strategie, mit Erfahrung – und unter Unsicherheit. Nicola beschrieb das als Zusammenspiel von Pflicht und Kür. Die Pflicht ist die Vorbereitung: meine Themen, meine Fakten, meine Techniken, meine Strategie. Die Kür ist die eigentliche Kommunikation: die konkrete Formulierung, das spontane Beispiel, das Eingehen auf eine Frage, die Antwort, die mein Publikum wirklich versteht. „Improvisation ist keine Technik, sondern eine Haltung“, fasste Nicola zusammen.
Was Improvisation schult
Diese Haltung lässt sich trainieren. Nicola verwies auf den Schauspieler Alan Alda, in Deutschland vor allem durch die Serie „M.A.S.H.“ bekannt, der sich seit Jahrzehnten für eine bessere Wissenschaftskommunikation engagiert. Er ist Gründer des nach ihm benannten Alan Alda Center for Communicating Science an der Stony Brook University, das Techniken des Improvisationstheaters gezielt einsetzt, um Forschende im Reden über ihre Arbeit zu schulen.
Der Gedanke dahinter: Improvisation trainiert genau die Fähigkeiten, auf die es in der Kommunikation ankommt – Empathie, Aufmerksamkeit, Perspektivwechsel, aktives Zuhören und spontane Anpassungsfähigkeit. Wer improvisiert, lernt vor allem, im Moment präsent zu sein und auf sein Gegenüber einzugehen, statt ein vorgefertigtes Skript abzuspulen.
Wie man dabei ein Publikum erreicht, das aus ganz unterschiedlichen Menschen besteht, brachte Nicola mit einem Satz des Improvisationstheater-Begründers Keith Johnstone auf den Punkt: Man müsse nicht jeden Einzelnen erreichen – sondern dafür sorgen, dass alle im selben Spiel sind.
Vom Kreis in die Bewegung – der praktische Teil
Nach dieser Herleitung wechselten wir – ganz unüblich für einen Stammtisch – in den praktischen Teil, professionell und überzeugend moderiert von Mignon Remé. Es begann mit einer einfachen Assoziationsübung: Wir standen im großen Kreis, Mignon gab einen Begriff zum Start vor, und dann wurde reihum improvisiert. Wer an der Reihe war, musste blitzschnell sagen, was ihm oder ihr zum zuletzt genannten Wort einfiel: Freund – Schule – Abitur – Prüfung – Angst – Horrorfilm und so weiter. Einige versuchten zu schummeln und sich schon drei Begriffe vorher eine Antwort zurechtzulegen. Das ging auch mal daneben und zeigte, wie schwer es uns fällt, wirklich spontan zu sein.
„Improvisation ist wie ein Muskel – man kann das trainieren“, beruhigte uns Mignon. Wer im beruflichen Alltag versuche, Fehler zu vermeiden und keinen Unsinn zu reden, dem falle es oft schwer, den Schalter umzulegen. Die folgenden Übungen halfen dabei: Wir liefen durch den Raum, riefen mehr oder weniger unsinnige Dinge, hüpften bei bestimmten Codeworten in die Luft – um kurz darauf beim gleichen Wort etwas anderes zu tun – so lange, bis das Gehirn nicht mehr mitkam und wir einfach irgendetwas machten. Es war fast eine kleine Befreiung, an diesen Punkt zu kommen.
Fünf goldene Regeln
Zum Abschluss bündelte Nicola das Gehörte und Erprobte in fünf Regeln für die Improvisation in der Kommunikation – Merksätze, die sich sowohl auf der Bühne als auch im nächsten schwierigen Publikumsgespräch bewähren:
Fazit
Der Abend machte deutlich, dass Improvisation und Wissenschaftskommunikation kein Widerspruch sind, sondern gut zusammenpassen. Improvisation ersetzt nicht die fachliche Vorbereitung – sie baut auf ihr auf und macht sie im entscheidenden Moment nutzbar. Und weil sie sich wie ein Muskel trainieren lässt, kann jede und jeder ein Stück gelassener werden im Umgang mit dem Unvorhergesehenen. Oder, um im Bild zu bleiben: Man muss vor dem Staubsauger nicht mehr davonlaufen.
Dieser Text entstand auf Basis unserer Aufzeichnungen mit freundlicher Unterstützung der KI Claude.
Workshopangebot von Nicola Wessinghage und Mignon Remé:
„Strategie und Improvisation – Workshops für wirkungsvolle Präsenz und souveräne Wissenschaftskommunikation“ (PDF, 3,9 MB)
Quellen