Wissenschaftsjournalismus erlebte ein Hoch während der Pandemie, doch wie sieht es heute damit aus, hier und jetzt in Hamburg? Wir sprachen mit Redakteur:innen von NDR, ZEIT-Hamburg, Abendblatt und research.table: Welche Rolle spielen wissenschaftliche Themen für sie, wie ist die Redaktion organisiert und was wünschen sie sich von uns Kommunikator:innen?
Es war unser erster Stammtisch in Präsenz nach Beginn der Pandemie. Als Mitveranstalter hatten wir die Körber-Stiftung gewonnen, die uns auf die Kehrwieder einlud. Wir genossen den Elbblick und waren gespannt auf unsere Gäste – vier Journalist:innen mit unterschiedlichen Bezügen zum Wissenschaftsjournalismus in Hamburg:
- Korinna Hennig, Teamleiterin Wissen bei NDR Info und stellvertretende Vorständin der Wissenschaftspressekonferenz
- Oskar Piegsa, Redakteur im Hamburg-Ressort der ZEIT, berichtet unter anderem über Wissenschaftspolitik in Hamburg
- Christoph Rybarczyk, Chefautor beim Hamburger Abendblatt/Funke Mediengruppe und unter anderem zuständig für Themen aus Medizin/Gesundheitspolitik.
- Nicola Kuhrt, Ressortleiterin bei research.table und Vorstandsvorsitzende der Wissenschaftspressekonferenz
Wissenschaftsstadt Hamburg als Narrativ
Zum Einstieg diskutierte Nicola (Wessinghage) mit unseren Gäst:innen über die Situation des Wissenschaftsjournalismus in Hamburg. Alle vier hatten während der Pandemie erlebt, dass Wissenschaftsthemen in ihren Redaktionen enorm an Bedeutung gewonnen hatten, wie überall in Deutschland. In Hamburg kam noch etwas hinzu: 2020 nahm das HIAS (Hamburg Institute of Advance Studies) seine Arbeit als Wissenschaftskolleg nach amerikanischem Vorbild auf. Im gleichen Jahr gründete sich mit dem New Institute eine wissenschaftsnahe Denkfabrik mit eigenem Fellowship-Programm.
Oskar Piegsa sprach von einer regelrechten Euphorie, die Teile der Stadtöffentlichkeit damals erfasst habe: War Hamburg wirklich auf dem Weg, sich von der Hafen- und Handelsstadt zur Wissenschaftsstadt weiterzuentwickeln? Katharina Fegebank hatte diesen Weg oft vorgezeichnet. Daran knüpfe er bis heute oft an, wenn er über Wissenschaftsthemen in Hamburg berichte. Heute sei Wissenschaft in der ZEIT Hamburg-Redaktion ein fester Bestandteil – aber oft nicht als reine Wissenschaft, sondern verbunden mit der Entwicklung der Stadt im weitesten Sinne: Wie entwickelt sich Hamburgs Wirtschaft, Hamburgs Selbstverständnis oder Hamburgs Bild in der Welt?
Roll-back nach Corona
Auch Korinna Hennig berichtet, einige Dinge hätten sich seit der Pandemie dauerhaft geändert, zum Beispiel der Umgang mit Unsicherheit: Früher seien wissenschaftliche Erkenntnisse, die nicht als hundertprozentig sicher galten, in den Redaktionen durchgefallen. Heute bemühe man sich, Unsicherheit und limitierte Aussagekraft klar zu kommunizieren.
Doch vieles habe sich auch zurückentwickelt: Auch bei der ARD würde inzwischen an Wissenschaftsjournalismus gekürzt. Oft werde nicht gesehen, dass das ein „sehr spezielles Gewerbe“ sei, das eben mehr Zeit brauche als die Berichterstattung über andere Themen. Hinzu komme die zum Teil dramatische wirtschaftliche Situation vieler freier Wissenschaftsjournalist:innen. Dabei bräuchten die Redaktionen dringend deren spezielles Wissen. „Wer kann schon über Quantencomputer so gut Bescheid wissen wie etwa über Virologie?“ Auch Nicola Kuhrt berichtete aus ihrer überregionalen Perspektive, dass in vielen Medien wieder Politik- und Wirtschaftsredakteur:innen über Wissenschaft schrieben, was durchaus zu unzureichenden oder überinterpretierten Informationen an die Öffentlichkeit führen könne.
Wie sprechen wir Medien an?
Diese Frage bewegte die Teilnehmenden des Stammtisches besonders, als sie an den Tischen mit den Redakteur:innen ins Gespräch kamen: Wie bringe ich mein Thema in die Medien? Wie zu erwarten hatten unsere Gäst:innen dafür nicht ein einziges Rezept, sondern viele interessante, zum Teil auch unterschiedliche Hinweise. Wer für Medienarbeit verantwortlich ist, tut gut daran, diese Besonderheiten zu kennen. Hier ein paar Schlaglichter aus unseren Gesprächen:
- Gute Nachricht: Die Pressemitteilung hat nicht ausgedient – zumindest unsere Gäst:innen lesen sie tatsächlich. Sie lohnen sich aber nur für Themen, die genug Relevanz haben für eine breite Berichterstattung. Kleinere Themen würden durch eine Pressemitteilung eher abgewertet und sollten lieber individuell angeboten werden.
- Unsere Gäst:innen schätzen Pressestellen als Kooperationspartner:innen, suchen aber in bestimmten Fällen auch direkt den Kontakt zu Wissenschaftler:innen. Die Vermittlung durch eine Pressestelle sei hilfreich, wenn es wirklich schnell und pragmatisch laufe und der direkte Kontakt jederzeit ermöglicht werde. Eine wichtige Rolle der Pressestellen könne sein, die Forschenden im Umgang mit Redaktionen zu coachen.
- Wen spricht man an? Jedes Medium ist anders organisiert. Das zeigte sich schon bei der kleinen Auswahl unserer Gäst:innen. Beim Hamburger Abendblatt arbeite die Wissenschaftsredaktion zentral aus Berlin, berichtete Christoph Rybarczyk. In Hamburg würden Wissenschaftsthemen innerhalb der Redaktion weitergeleitet zu dem- oder derjenigen, der/die eine Affinität zum jeweiligen Thema habe. Wichtig sei es, mindestens eine Person zu überzeugen, die sich dann in der Redaktion dafür einsetze – am besten am Telefon. Entscheidend sei dabei die Relevanz des Themas für das breite Publikum.
- Ganz anders die ZEIT Hamburg: Das kleine Team der lokalen Ausgabe freut sich, wenn Themen schriftlich und möglichst knapp per Mail zu ihnen kommen. Für Telefonate bleibt schlicht kaum Zeit. Oskar Piegsa berichtete, vor allem an Themen mit einem lokalen Zuschnitt interessiert zu sein – schon Stade und Buxtehude seien für seine Redaktion „sehr weit weg“.
- Die ARD habe für wissenschaftliche Themen Kompetenzcenter gebildet, berichtet Korinna Hennig. In diesem Rahmen sei der NDR für Gesundheitsthemen zuständig, während andere Wissenschaftsthemen eher über SWR, BR und WDR liefen. Doch das System sei keineswegs starr: Häufig kooperierten die Sender bei Wissenschaftsthemen miteinander. Und was der NDR nicht zugeliefert bekomme, produziere er auch schon mal selbst. Es kann also gut sein, dass man sich mit einem wissenschaftlichen Thema ohne Gesundheitsbezug aus Hamburg an den SWR wendet, letztlich aber doch der NDR einen Beitrag dazu macht.
- Freie Journalist:innen seien nach wie vor eine gute Adresse, um gerade spezielle Themen in die Medien zu bringen, erinnerte Nicola Kuhrt. Allein in Hamburg gebe es ca. 40 freie Wissenschaftsjournalist:innen. Sie seien leicht zu recherchieren über die Mitgliederliste auf der Website der Wissenschaftspressekonferenz (dort allerdings nur nach Themen).
- Und zum Schluss ein schon fast klassischer Tipp von Oskar Piegsa: Am attraktivsten seien für ihn Themen, in denen sich Fakten mit Geschichten verbinden, die in Hamburg spielen. Dabei sei ihm klar, dass das nicht immer so schön gelingen könne wie bei seinem Text über die Archivsuche des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Das Thema war geradezu prädestiniert für die ZEIT Hamburg: Es ging um den Vorlass einer Ikone der Hamburger Kulturszene – Peggy Parnass.
So schön es auch war, sich vor Ort zu treffen: In Zukunft werden wir auch wieder Online-Veranstaltungen anbieten, weil unsere Community weit über Hamburg hinaus gewachsen ist. Wir nehmen uns vor, mindestens ein Treffen pro Jahr in Präsenz zu organisieren.
Wissenschaftsjournalismus in Hamburg
Hamburger Stammtisch Wissenschaftskommunikation am 3. September 2025
Wissenschaftsjournalismus erlebte ein Hoch während der Pandemie, doch wie sieht es heute damit aus, hier und jetzt in Hamburg? Wir sprachen mit Redakteur:innen von NDR, ZEIT-Hamburg, Abendblatt und research.table: Welche Rolle spielen wissenschaftliche Themen für sie, wie ist die Redaktion organisiert und was wünschen sie sich von uns Kommunikator:innen?
Es war unser erster Stammtisch in Präsenz nach Beginn der Pandemie. Als Mitveranstalter hatten wir die Körber-Stiftung gewonnen, die uns auf die Kehrwieder einlud. Wir genossen den Elbblick und waren gespannt auf unsere Gäste – vier Journalist:innen mit unterschiedlichen Bezügen zum Wissenschaftsjournalismus in Hamburg:
Wissenschaftsstadt Hamburg als Narrativ
Zum Einstieg diskutierte Nicola (Wessinghage) mit unseren Gäst:innen über die Situation des Wissenschaftsjournalismus in Hamburg. Alle vier hatten während der Pandemie erlebt, dass Wissenschaftsthemen in ihren Redaktionen enorm an Bedeutung gewonnen hatten, wie überall in Deutschland. In Hamburg kam noch etwas hinzu: 2020 nahm das HIAS (Hamburg Institute of Advance Studies) seine Arbeit als Wissenschaftskolleg nach amerikanischem Vorbild auf. Im gleichen Jahr gründete sich mit dem New Institute eine wissenschaftsnahe Denkfabrik mit eigenem Fellowship-Programm.
Oskar Piegsa sprach von einer regelrechten Euphorie, die Teile der Stadtöffentlichkeit damals erfasst habe: War Hamburg wirklich auf dem Weg, sich von der Hafen- und Handelsstadt zur Wissenschaftsstadt weiterzuentwickeln? Katharina Fegebank hatte diesen Weg oft vorgezeichnet. Daran knüpfe er bis heute oft an, wenn er über Wissenschaftsthemen in Hamburg berichte. Heute sei Wissenschaft in der ZEIT Hamburg-Redaktion ein fester Bestandteil – aber oft nicht als reine Wissenschaft, sondern verbunden mit der Entwicklung der Stadt im weitesten Sinne: Wie entwickelt sich Hamburgs Wirtschaft, Hamburgs Selbstverständnis oder Hamburgs Bild in der Welt?
Roll-back nach Corona
Auch Korinna Hennig berichtet, einige Dinge hätten sich seit der Pandemie dauerhaft geändert, zum Beispiel der Umgang mit Unsicherheit: Früher seien wissenschaftliche Erkenntnisse, die nicht als hundertprozentig sicher galten, in den Redaktionen durchgefallen. Heute bemühe man sich, Unsicherheit und limitierte Aussagekraft klar zu kommunizieren.
Doch vieles habe sich auch zurückentwickelt: Auch bei der ARD würde inzwischen an Wissenschaftsjournalismus gekürzt. Oft werde nicht gesehen, dass das ein „sehr spezielles Gewerbe“ sei, das eben mehr Zeit brauche als die Berichterstattung über andere Themen. Hinzu komme die zum Teil dramatische wirtschaftliche Situation vieler freier Wissenschaftsjournalist:innen. Dabei bräuchten die Redaktionen dringend deren spezielles Wissen. „Wer kann schon über Quantencomputer so gut Bescheid wissen wie etwa über Virologie?“ Auch Nicola Kuhrt berichtete aus ihrer überregionalen Perspektive, dass in vielen Medien wieder Politik- und Wirtschaftsredakteur:innen über Wissenschaft schrieben, was durchaus zu unzureichenden oder überinterpretierten Informationen an die Öffentlichkeit führen könne.
Wie sprechen wir Medien an?
Diese Frage bewegte die Teilnehmenden des Stammtisches besonders, als sie an den Tischen mit den Redakteur:innen ins Gespräch kamen: Wie bringe ich mein Thema in die Medien? Wie zu erwarten hatten unsere Gäst:innen dafür nicht ein einziges Rezept, sondern viele interessante, zum Teil auch unterschiedliche Hinweise. Wer für Medienarbeit verantwortlich ist, tut gut daran, diese Besonderheiten zu kennen. Hier ein paar Schlaglichter aus unseren Gesprächen:
So schön es auch war, sich vor Ort zu treffen: In Zukunft werden wir auch wieder Online-Veranstaltungen anbieten, weil unsere Community weit über Hamburg hinaus gewachsen ist. Wir nehmen uns vor, mindestens ein Treffen pro Jahr in Präsenz zu organisieren.