Wissenschaftskommunikation auf Wikipedia

Wissenschaftskommunikation auf Wikipedia: Unterschätzter Kanal mit eigenen Regeln

Hamburger Stammtisch Wissenschaftskommunikation am 29. April 2025

Mit Prof. Dr. Patrick Franke, Universität Bamberg

In Zeiten, in denen Social-Media-Plattformen der Big Tech zunehmend hinterfragt werden, rückt eine bekannte Plattform wieder stärker in den Fokus: die Wikipedia. Könnte die freie Enzyklopädie ein „hidden champion“ der Wissenschaftskommunikation sein? Beim 40. Hamburger Stammtisch Wissenschaftskommunikation* sprachen wir mit Prof. Dr. Patrick Franke, Islamwissenschaftler an der Universität Bamberg, über das Potenzial dieses Kanals gesprochen — und über dessen ganz eigene Regeln.

Autor aus Überzeugung

Patrick Franke ist kein Gelegenheitsautor, sondern seit über einem Jahrzehnt aktiver Mitgestalter der Wikipedia. Mit über 375 Artikeln ist er dort bereits vertreten — darunter viele zur islamischen Welt, die in der „Bamberger Islam-Enzyklopädie (BIE)“ zusammengeführt werden. Bereits 2019 berichtete der Deutschlandfunk über sein Engagement.

Im Gespräch mit uns erzählte Franke, dass seine Beiträge im Durchschnitt rund 4.000 Mal am Tag aufgerufen werden. Sein erfolgreichster Artikel, ein Beitrag über die Erzengel, wurde inzwischen über zwei Millionen Mal gelesen. Seine Motivation speist sich allerdings nicht aus Zahlen. Es ist vielmehr eine persönliche Mission, die er in der Wikipedia ausformuliert hat: Islambezogene Inhalte in der Wikipedia sollen wissenschaftlich fundiert sein — öffentlich zugänglich, korrekt, nachvollziehbar.

Wikipedia wirkt — aber anders

In der wissenschaftlichen Community bringt ihm dieses Engagement bislang nicht viel Anerkennung. Drittmittelprojekte lassen sich damit nicht einwerben, und auch unter Kolleg:innen begegnet man dem Thema mit Zurückhaltung. Doch für den Wissenstransfer in die Gesellschaft ist Wikipedia ein wirksames Medium — gerade wegen ihrer Eigenheiten:

  • Wikipedia-Artikel sind, wie er sagt, keine „keine tote Materie wie Bücher nach ihrer Veröffentlichung“, sondern leben weiter, weil sie stetig fortgeschrieben und Fehler schnell korrigiert werden können.
  • Inhalte lassen sich fortlaufend aktualisieren und bleiben somit relevant — ein klarer Vorteil gegenüber klassischen Formaten.
  • Journalist:innen greifen regelmäßig auf Wikipedia als Recherchequelle zurück — ein stiller Weg, auf Forschung und Medien einzuwirken.
  • Franke selbst publiziert unter Klarnamen. So wird seine wissenschaftliche Stimme außerhalb der wissenschaftlichen Community bekannter.
  • Der Austausch mit Nutzer:innen, Fragen und Rückmeldungen zu seinen Artikeln, bereichert seine eigene Forschung.
  • Durch Zusammenarbeit mit anderen Wikipedianer:innen der Kartenwerkstatt oder Grafikwerkstatt entstehen interaktive Visualisierungen — Infografiken, Karten, Diagramme. Ein Plus für die Verständlichkeit.

Autor:innenschaft mit Hürden — und Hilfen

Wikipedia folgt klaren Regeln — und das kann zunächst abschrecken. Doch Franke betonte: Die Einstiegshürden sind überwindbar, wenn man weiß, wie.

  • Ein Mentorenprogramm hilft Neulingen beim Start, und viele praktische Tipps dazu finden sich direkt in der Wikipedia selbst.
  • Jede Aussage braucht eine Quelle — für die Textwissenschaften meist problemlos, für empirische Fächer schon herausfordernder. Wer jedoch etwa die eigene Dissertation bereits veröffentlicht hat, darf diese als Quelle heranziehen.
  • Ein guter Start: Ergebnisse der eigenen Forschung in bestehende Artikel einfügen — das senkt die Einstiegsschwelle.
  • Wikipedia hat Gatekeeper: Änderungen werden geprüft, subjektive oder werbliche Inhalte konsequent zurückgewiesen. Frankes Tipp: Nicht entmutigen lassen — gute Argumente setzen sich durch.
  • Transparenz zählt: Ein Klarnamen-Profil schafft Vertrauen, ein akademische Affiliation stärkt die Glaubwürdigkeit.
  • Relevanzkriterien sind klar definiert — auch für Wissenschaftler:innen.
  • Diskussionen gehören dazu. Wer schreibt, muss mit Rückmeldungen rechnen. Franke sieht darin einen Ansporn: „Mein Anspruch ist es, so gut zu schreiben, dass niemand die Notwendigkeit sieht, etwas zu verändern.“ Allerdings können Einwände gegen Inhalte auch durchaus berechtigt sein. Dann gilt es, sie für die Weiterentwicklung der Artikel fruchtbar zu machen, meint er.

Sichtbar durch Suchmaschinen — mit Einschränkungen

Ein nicht zu unterschätzender Vorteil: Inhalte auf Wikipedia sind hervorragend suchmaschinenoptimiert — zumindest bei klassischen Anfragen. Für KI-basierte Suchsysteme wie ChatGPT spielt die deutschsprachige Wikipedia derzeit allerdings kaum eine Rolle. Diese Systeme greifen bislang vorrangig auf die englischsprachige Version zurück. Franke glaubt nicht, dass sich das kurzfristig ändern wird.

Kontroverse Themen, sachliche Debatten

Islamische Themen führen — wenig überraschend — regelmäßig zu Debatten. Doch kann in der Wikipedia durchaus auch Kontroverses präsentiert werden, ohne dass es gleich zu überbordenden Emotionen oder Shitstorms führt. Ein Beispiel: Der Artikel über die Bundestagsdebatte über den AfD-Antrag zu Islam und Scharia im Jahre 2018, den Franke gemeinsam mit Studierenden in einem Seminar entwickelte. Wie die Versionsgeschichte und Diskussionsseite zeigen, gab es bisher kaum Wünsche nach Veränderung. Wichtig ist, so sagt Franke, dass bei kontroversen Themen die Argumente und Sichtweisen der verschiedenen Beteiligten sachlich und gut strukturiert dargestellt werden.

Als Lehrender nutzt er die Plattform — und ihr Schwesterprojekt, die Wikiversity — auch als digitalen Lernraum. Studierende dürfen bei ihm ihre Hausarbeiten auch in Form von Wikipedia-Artikeln erbringen, und in der Wikiversität hat er unter dem Titel Bamberger Einführung in die Geschichte des Islams (BEGI) seine Vorlesung veröffentlicht. Seine Hoffnung: dass die von ihm erstellte Enzyklopädie irgendwann von der Fachcommunity übernommen wird. Bislang beteiligen sich aber nur sehr wenige Fachkolleg:innen an dem Projekt, denn das Veröffentlichen von Wikipedia-Artikeln bringt im wissenschaftlichen Betrieb (noch) zu wenig Prestige.

Hohe Reichweite, andere Spielregeln

Wikipedia folgt anderen Regeln als die meisten institutionellen Kommunikationsformate. Hier entstehen Beiträge kollaborativ. Relevanz, Neutralität und Nachvollziehbarkeit sind Grundprinzipien. Selbstdarstellung? Tabu. Institutionelles Marketing? Ebenfalls. Genau das macht die Plattform so glaubwürdig — und so wirkungsvoll für die Wissenschaftskommunikation.

Wer sich auf diese Spielregeln einlässt, kann mit fundierten Inhalten viel erreichen — und langfristig wirken. Wikipedia-Autor:innen leisten damit einen wertvollen Beitrag zur Öffnung von Wissenschaft. Patrick Franke glaubt an die Nachhaltigkeit seines Engagements: „Mit seiner Dokumentation früherer Artikelversionen kann die Wikipedia selbst einmal zu einer hochinteressanten historischen Quelle werden.“ Gut zu wissen, dass Wissenschaft darin eine Rolle spielen wird.

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