Social Media – und jetzt?

Hamburger Stammtisch Wissenschaftskommunikation am 18. Februar 2025

Mit Melanie Bartos, Universität Innsbruck, und Dr. Volker Hahn vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung

Bleiben oder wechseln, und wenn ja wohin? Nach den drastischen Veränderungen bei X und Meta stellt sich diese Frage mit neuer Dringlichkeit. Die Teilnehmenden des Hamburger Stammtischs Wissenschaftskommunikation gaben darauf unterschiedliche Antworten, doch sie fanden ein gemeinsames Fazit.

Zu Anfang brachten unsere beiden Gäst:innen die Diskussion mit zum Teil konträren Thesen in Schwung. Den Einstieg machte Melanie Bartos vom Kommunikationsteam der Universität Innsbruck. Sie berichtete, wie ihre Hochschule die Kommunikation über offene Plattformen aktiv vorantreibt. So gebe es bereits eine halbe Personalstelle, die sich vorwiegend mit diesem Thema beschäftigt. Die Universität hat eine eigene Mastodon-Instanz, also einen eigenen Mastodon-Server aufgebaut. Melanie Bartos erzählte, diese Instanz stehe den mehr als 5.000 Mitarbeitenden mit ihren Uni-Login-Daten zur Verfügung. Das nutzten zwar derzeit erst rund 130 Mitarbeitende, aber das liege im erwarteten Rahmen und die Tendenz sei steigend. Das Kommunikationsteam nutze Mastodon darüber hinaus schon seit mehr als einem Jahr für institutionelle Wissenschaftskommunikation – mit besseren Interaktionsraten als bei Twitter vor der Übernahme.

In einem Positionspapier zu Open Science Communication bekennt sich die Universität Innsbruck grundsätzlich zur Kommunikation über gemeinnützige, datenschutzfreundliche und quelloffene Medien. Dazu gehört neben Mastodon auch Wikipedia. Dieser Zugang sei eingebettet in eine grundsätzliche strategische Ausrichtung, die auch in der Leistungsvereinbarung mit dem Ministerium festgehalten wurde. Melanie Bartos plädiert dafür, diesem Weg zu folgen und offene Plattformen nicht nur zu nutzen, sondern sie aktiv zu fördern. Dafür steht auch die Initiative SaveSocial, zu deren Erstunterzeichnenden sie gehört.

Und was ist mit Meta und Tiktok?

Unser zweiter Gast schaut aus einem ganz anderen Blickwinkel auf das Thema: Volker Hahn leitet die Kommunikation des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung und nutzt X weiterhin. Er habe zwar nicht prinzipiell etwas gegen einen Ausstieg bei X. Doch beim koordinierten „eXit“ von 60 Hochschulen im Januar habe ihn einiges gestört. Seine Kritik an der aktuellen Debatte formulierte er auf unserem Stammtisch in sieben provokanten Fragen:

  1. „Warum wurde der koordinierte Ausstieg aus X mit soviel Pathos und Moral verkündet? Geht es nicht ums Informieren, sondern um eine politische Agenda?
  2. Warum wurden die Behauptungen der Januar-PM vorher nicht geprüft („algorithmische Verstärkung rechtspopulistischer Inhalte“) während man sich gleichzeitig auf den eigenen „Einsatz für eine faktenbasierte Kommunikation“ beruft?
  3. Warum beklagt man sich über einen (unbestrittenen) Rechtsdrift der Plattform X, um dann im nächsten Schritt mit seinem Ausstieg selbst dazu beizutragen?
  4. Warum führt man eine ähnliche Diskussion nicht über TikTok (…)?
  5. Warum nehmen viele ungeprüft an, dass Faktenchecks besser seien als Community Notes? (…)
  6. Warum wurde Zuckerbergs jüngster Vorstoß zur Facebook-Deregulierung heftig kritisiert, kaum aber Facebooks überzogene Eingriffe zu Biden-Zeiten?
  7. Warum wird insgesamt so wenig über das Dilemma Hassrede vs. Meinungsfreiheit gesprochen? (…)

Ohne die darauf folgende Diskussion im Detail zu wiederzugeben: Tatsächlich fällt auf, dass die Abkehr von X mit großer Vehemenz stattfindet, während Meta und Tiktok von vielen als notwendiges Übel weiterhin geduldet werden. Und ja, Effekte des Algorithmus sind manchmal schwer nachzuweisen – obwohl es inzwischen Studien dazu gibt (zwei davon hier vorgestellt von Markus Reuter/netzpolitik.org).

Als mögliche Erklärungen wurden genannt: Marc Zuckerberg wolle „nur“ Geld verdienen, Elon Musk dagegen mache mit X Politik. Allerdings hat sich Zuckerberg mit seiner Ankündigung, die Eindämmung von Hassrede und Beleidigungen herunterzufahren, klar hinter Trump gestellt. Und was ist mit Tiktok – siehe Wahlen in Rumänien? Eine andere Erklärung: Wir brauchen Instagram und Tiktok für das Studierendenmarketing. Hierfür gibt es derzeit keine datenfreundliche Alternative – Pixelfed und Peertube haben bei jungen Menschen (noch) keine Chance. Wissenschaftskommunikator:innen tun gut daran, solche Interessenskonflikte offen zuzugeben und auch in der Kommunikation über Plattformen auf Evidenz zu achten.

Diversität und Reichweite auf X?

Die Frage bleibt: Was tun? Volker Hahn fand es bedenklich, einen Diskursraum aufzugeben, der sehr unterschiedliche Gruppen umfasst, und sich stattdessen in seine jeweiligen „Echokammern“ zurückzuziehen. Diese These stieß auf einigen Widerspruch, kurz:

  • Auf X fanden für einige schon längst keine für sie nützlichen Diskurse mehr statt, der Ausstieg sei auch eine pragmatische Entscheidung gewesen
  • Viele Journalist:innen haben X verlassen, weil der Druck auf sie durch Hatespeech zu groß geworden war
  • Die organische (unbezahlte) Reichweite auf X hat stark abgenommen; “die Plattformen wollen Geld sehen”

„Wir können einfach nicht so tun, als hätten wir auf X noch eine lineare Kommunikationsebene gehabt. Alles läuft über intransparente Empfehlungssysteme“, fasste Melanie Bartos zusammen.

Ein mögliches Fazit: Letztlich spricht nichts gegen die Heterogenität der Plattformen. Die Frage sollte nicht lauten „Welche Plattform verlassen wir alle?“, sondern „Wo gehen wir alle hin?“ „Schön wäre es doch, wenn sich die Hochschulen gemeinsam auf einen Kanal einigen, dann haben wir gemeinsam eine größere Schlagkraft, auch wenn es nur die eigene Bubble ist“, schrieb eine Teilnehmerin im Chat. Vieles spricht dafür, dass der neue gemeinsame Nenner Mastodon heißen sollte. Im Unterschied zu Bluesky, das oft als Alternative gehandelt wird, ist Mastodon von Grund auf so organisiert, dass es nicht von einem Konzern übernommen werden kann.

Empfehlungen für den Wandel

Deshalb hier zum Abschluss ein paar Argumente und Empfehlungen für den Umgang mit dem Wandel der Plattformen und für ein verstärktes Engagement auf Mastodon:

  1.  Diversität ist OK Diversität ist in Ordnung – wer eine Plattform verlässt, sollte denen, die dort bleiben, keine Vorwürfe machen und sich nicht als moralisch besser inszenieren. Denn noch lassen sich nicht alle Kommunikationsziele mit offenen Plattformen erreichen. Statt „gegen die Großen“ zu argumentieren, wäre es hilfreicher, sich „für das Neue“ einzusetzen.
  2. Das „Plus 1“-Prinzip Die Wissenschaftskommunikation öffentlich finanzierter Einrichtungen hat auch eine Verantwortung dafür, der Wissenschaft einen eigenen digitalen Diskursraum unabhängig von Großkonzernen und Regimen in Ost und West zu eröffnen. Deshalb sollte jede Einrichtung – soweit möglich – mindestens auf einer offenen, datenschutzfreundlichen und gemeinnützigen Plattform wie Mastodon präsent sein. Dieses Prinzip wird oft unter dem Stichwort „Plus 1“ diskutiert, das auf eine Idee von Ralf Stockmann, Direktor Digitale Entwicklung an der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB), zurückgeht. Es gilt umso mehr für Einrichtungen, die durch den Ausstieg bei einer Plattform freie Kapazitäten gewonnen haben.
  3. Gemeinnützig heißt nachhaltig Ein Engagement auf Mastodon sollte nicht moralisch, sondern mit einer klaren Perspektive begründet und kommuniziert werden: Der Aufbau von Netzwerken kostet viel Zeit. Deshalb spricht vieles dagegen, erneut in eine Plattform zu investieren, deren Geschicke von einem kleinen Kreis von Investor:innen bestimmt wird und die sich jederzeit ebenso stark verändern können wie dereinst Twitter. Das spricht auch gegen Bluesky (s. o.).
  4. Ziele klar benennen und abstimmen Im Sinne der „Plus 1“-Strategie sollten Einrichtungen, die noch keine Erfahrungen auf Mastodon haben, erste Schritte dorthin unternehmen, d. h. konkret: Sich dort einmal umzuschauen, einen Account auf wisskomm.social anlegen (s. folgender Punkt) und Erfahrungen sammeln. Mit diesem Wissen können sie dann auf ihre Leitungsebene zugehen und aus den in diesem Text genannten Gründen für ein weiteres Engagement auf Mastodon werben. Die Zustimmung der Leitungsebene ist wichtig, denn zumindest kurzfristig lassen sich auf Mastodon nicht die gleichen Reichweiten und Interaktionsraten erzielen wie auf anderen Plattformen. Allen Beteiligten sollte bewusst sein, dass eine Präsenz auf Mastodon immer auch da Ziel hat, das Henne-Ei-Problem aus geringer Zahl von Nutzenden und geringer Reichweite aufzulösen. Später kann eine Absprache mit dem zuständigen Ministerium erfolgen – die Universität Innsbruck hat es vorgemacht.
  5. Hilfen für den Einstieg geben Mastodon hat eine geringfügig höhere Eintrittsschwelle als zum Beispiel X. Zum Beispiel müssen Nutzende zu Anfang entscheiden, auf welcher Instanz sie sich anmelden sollen. Wissenschaftskommunikator:innen sollten sich zum einen selbst in das Thema einarbeiten. Zum anderen sollten sie die Chance nutzen, darüber mit ihren Zielgruppen ins Gespräch zu kommen und Hilfestellungen anzubieten. Es gibt inzwischen unzählige gute Informationsangebote über den Einstieg bei Mastodon. Und meistens sind Einrichtungen, die bereits Erfahrung gesammelt haben, gerne bereit, ihr Wissen zu teilen. Der Informationsdienst Wissenschaft idw hat mit https://wisskomm.social/about eine Instanz etabliert, die wissenschaftlichen Institutionen, aber auch Einzelpersonen offen steht.

Quellen zum Thema:

  • Open Science Communication Positionspapier des Kommunikationsteams der Universität Innsbruck https://www.uibk.ac.at/de/public-relations/kommunikation/open-science-communication/
  • Von kommerziellen zu kulturellen Netzwerken Vortrag von Felix Ostrowski (Staatsbibliothek Berlin) und Ralf Stockmann (ZLB, Zentral- und Landesbibliothek Berlin) berichten von ihren Erfahrungen auf Mastodon. https://www.youtube.com/watch?v=4QLswAiSUQk&t=1s
  • Save Social Diese breite Initiative von Akteur*innen aus Kultur, Wirtschaft und Medien warnt vor den Gefahren der Monopolplattformen für die Meinungsfreiheit und damit für die Demokratie. In ihrem Manifest fordert sie, offene Alternativen aktiv zu stärken. Mehr als 240.000 Menschen haben ihren Aufruf bereits unterschrieben (Stand 7.3.25). https://savesocial.eu
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